
schrieb am Dienstag 30. Mai 2006:

Ich sitze jetzt hier vor dem PC und überlege, was ich jetzt zum Besten gebe.
Bin gerade aus der Nachtschicht gekommen, habe den Kopf noch mit den Problemen der vergangenen Schicht voll und überlege, was hast du falsch in deinem Leben gemacht. Bestimmt dieses oder jenes. Aber was solls. Einiges hätte ich bestimmt anders machen sollen, anderes nicht.
Man ist eben nur ein Mensch und macht Fehler. Ist es ein Fehler, dass man immer nur arbeiten war, nie kriminell war, immer für die Familie da ist, immer ehrlich
durchs Leben geht? Und dann gibt es Menschen, die nicht
kapieren um was es hier eigentlich geht. Oder sie wollen es einfach nicht.
Übrigens, ich muß mich berichtigen, der Tisch hat 19 Euro gekostet.
Hier geht es nicht um uns. Wir sind nur ein Beispiel wie es vielen zig100000enden geht. Wenn nicht sogar Millionen.
Ich frage mich immer wieder, warum muß man alles und jeden in Frage stellen. Vielleicht ist es ihr Ehrgeiz oder ihr Unverständnis.Ich weiß es nicht.
Eines weiß ich doch. Wenn ich im westlichen Teil von Deutschland so arbeiten würde wie hier, hätte ich bestimmt weniger Sorgen.
Noch eins. 120 Euro ist sehr viel Geld für uns. Nicht bloß für uns.
URL des Textes: http://www.hungerloehner.de/0/viewentry/940
Kommentare
Ralf Krüger am 31. Mai 2006
Lieber Matthias,
ich stolperte gerade so in die Berichte und Kommentare und will loswerden: Dankeschön!
Als Betriebsrat und Gewerkschafter versuche ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen gezielt für einen menschenwürdigen Mindestlohn zu werben und zu arbeiten.
Mittlerweile ist das Medieninteresse (ich fürchte, hauptsächlich so lässt sich so ein Thema politisch hörbar machen...), also das Medieninteresse ist relativ gross, auch ich bekomme häufig Anfragen: Ob ich nicht Betroffene vermitteln kann, die von ihrer Situation berichten.
Sehr oft muss ich dann aber passen, ich selbst verdiene (noch?) relativ anständig und die wirklich Betroffenen haben viel zu oft ganz andere Sorgen. Vor allem aber haben viele Betroffene Angst. Angst davor, dass irgendein Arbeitgeber sie in einem Medienbericht erkennt und dann auch noch der Hungerlohn-Job weg ist.
Genau darum ist es wichtig und richtig, was Du (Ihr) hier anstellt!
Darum nochmal: Dankeschön!
Wir bleiben einfach solange am Ball, bis selbst die boniertesten Räuber und Großverdiener kapiert haben, dass eines keine Perspektive haben kann: Die Reichen immer reicher, das Geld dafür kommt von immer mehr immer Ärmeren!
Schön fand ich einen Satz den ich dazu aufgeschnappt habe:
Es ist schlicht unanständig, wenn Menschen, die 364 Euro und mehr am Tag verprassen, sich hinstellen und politisch 364 Euro pro Monat für Hartz IV-Empfänger als "zuviel" in Frage stellen!
Also: Immer weiter so! Wir können bei den Aktionen für Mindestlohn nur gewinnen! (Was sollten wir verlieren?)
Schöne Grüße aus München!
Ralf
Daniel Kintner am 9. Juni 2006
Hallo Matthias,
Zu Deiner Behauptung "Eines weiß ich doch. Wenn ich im westlichen Teil von Deutschland so arbeiten würde wie hier, hätte ich bestimmt weniger Sorgen." kann ich nur sagen: Wenn das so ist, dann zieh doch um.
Das sagt sich zwar einfach, ist aber auch nicht so schwierig, wie man sich das gemeinhin vorstellt. Selbst ziehe ich (mit Familie) im Schnitt alle drei - vier Jahre um, wenn sich dadurch die Berufschancen verbessern. Uebrigens, nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch und vor allem im Ausland.
Also, Schluss mit dem Gejammer, Aermel hochkrempeln und loslegen.
Viele Gruesse aus Shanghai,
Daniel
Martina am 9. Juni 2006
Hallo Herr Kintner,
Ihr Kommentar war sicher gut gemeint. Aber ich möchte Ihnen dazu doch Folgendes zu bedenken geben:
Erstens hat Matthias sich für seine Bemerkung entschuldigt.
Zweitens glaube ich kaum, dass es eine sinnvolle Lösung für einen Fleischer, eine Reinigungskraft und einen Beikoch ist, z. B. wie Sie nach Shanhai zu ziehen und sich dort der chinesischen Konkurrenz zu stellen, die für wenig mehr als drei Mahlzeiten täglich und ein Bett in einer Gemeinschaftsunterkunft bereit ist, 12 Stunden täglich 7 Tage die Woche zu schuften. (Wie auf seriösen Kulturfernsehsendern zu besichtigen.) Wollen Sie wirklich, dass wir da hin kommen? Oder das System hierher kopieren?
Außerdem brauchen wir auch in Deutschland Menschen, die die Arbeit tun, die hier anfällt, und diese Menschen müssen von dieser Arbeit auch hier ein menschenwürdiges Leben führen können.
Freundliche Grüße
Martina
Daniel Kintner am 15. Juni 2006
Hallo Martina,
Vielen Dank fuer die aufschlussreiche Antwort. Viel deutlicher haette man die geistigen Scheuklappen, die in Deutschland so gerne getragen werden, nicht veranschaulichen koennen. Natuerlich ist mir klar, dass Matthias und seine Familie nicht mit den Koechen, Reinigungskraeften und Fleischern in Shanghai konkurieren sollen. Um zu wissen, wie man hier mit solchen Jobs lebt, brauche ich kein Fernsehen, der taegliche Gang zur Arbeit genuegt voellig. Uebrigens habe ich das auch nicht vorgeschlagen.
So schlecht war Ihre Idee aber auch nicht, Matthias muesste dann nur eine andere Taetigkeit ausueben. So gibt es Deutsche, die z.B. in Indien in Call Centern arbeiten und mit dem Einkommen menschenwuerdig leben koennen. Ist zwar kein Traumjob, ernaehrt aber die Familie. Wer es nicht ganz so exotisch mag, fuer den waere eventuell ein Job in einem oestereichischen Hotel geeignet, auch dort soll es gute und gut bezahlte Jobs geben.
Allerdings muss man sich von der Vorstellung loesen, dass es ein Patentrezept gibt, mit dem sich alle betroffenen Menschen zufriedenstellen lassen. Es wird wohl eher individuelle Loesungen geben muessen, bei denen jeder fuer sich entscheiden muss, wo seine Nische und seine Interessen liegen. Dann wird der eine nach China gehen, der andere nach Oesterreich und der dritte sich in Deutschland einen gefragteren Job suchen. (Nur am Rande, sehr viele Deutsche gehen eh ins Ausland und kaum einer will wieder zurueck in ein Land, dass von Fremdenfeindlichkeit, Neid und Wehklagen dominiert wird)
Meiner Meinung nach waere das schon eine Loesung, denn die hohe Arbeitslosigkeit wird ja gerade dadurch verursacht, dass bestimmte Taetigkeiten in Deutschland eben nicht gebraucht werden, jedenfalls nicht im angebotenen Umfang und zu den geforderten Preisen. Und solange Geiz noch Geil ist, wird sich daran auch nichts aendern. Letztendlich gilt der Satz von Angela Merkel: "Dort, wo wir nicht besser sein können, können wir auch nicht teurer sein als unsere Konkurrenten." Daran wird auch kein Mindestlohn etwas aendern.
Viele Gruesse,
Daniel
Martina am 17. Juni 2006
Hallo Daniel,
weißt Du, ich mache mir schon lange meine Gedanken zu dem Thema.
Ich bin bei einem Dienstleister beschäftigt und bekomme da auch so manches mit, in Bezug auf die Preisgestaltung. Kundenforderungen, die Kosten jedes Jahr um einen bestimmten Prozentbetrag zu senken, aber selbstverständlich bei gleichbleibender Leistungserbringung, sind keine Seltenheit. Ich meine hier Leistungen für Objekte in Deutschland, wie z. B. Empfangsdienste, Wachdienste, Reinigungsleistungen und dgl. mehr. Diese Leistungen kann man für Objekte in Deutschland kaum in Indien erbringen, wo die Arbeitnehmer von den geringen Löhnen auch noch vernünftig leben könnten. Das muss schon jemand in Deutschland machen, der unter dem ständigen Druck steht, mit immer geringeren Löhnen die steigenden Lebenshaltungskosten abdecken zu müssen. Solange es keine gesetzliche Regelung gibt, stehen auch bestimmte Arbeitgeber unter dem Druck, sich immer und immer und immer wieder gegenseitig unterbieten zu müssen. Ich sehe das jeden Tag, und mache mir jeden Tag meine Gedanken darüber. Der Wettbewerb würde ja durch einen gesetzlichen Mindestlohn nicht abgeschafft, er würde nur auf einer anderen Basis stattfinden, es gäbe eine "untere Begrenzung". Diese Basis wäre für alle gleich, da gesetzliche Regelung.
Deshalb bin ich für den gesetzlichen Mindestlohn. Ich denke, über Betrag und Konditionen kann man reden. Aber ohne die Einführung des Mindestlohns werden immer größere Teile der ARBEITENDEN Bevölkerung immer weiter verarmen.
Übrigens, ich kann mich leider nicht selbst in Shanghai über die dortigen Verhältnisse informieren. Ich nutze dafür Medien, bei denen ich damit rechne, mich auf seriöse Berichterstattung verlassen zu können. Deshalb habe ich das erwähnt. Ich habe meine Informationen nicht aus Boulevardpresse oder Fernsehsendern mit ähnlichem Niveau.
Das mit dem Auswandern ist unter Umständen auch nicht so einfach. Mein Mann und ich haben vor Jahren mal versucht, mit unseren Kindern auszuwandern. Wir hatten die falschen Jobs und konnte das sonst benötigte "Mitbringkapital" in Höhe von mehreren Hunderttausend Mark nicht aufbringen, so reichte es im Zielland nur für ein zeitlich befristetes Touristenvisum. Es kommt immer auf die persönlichen Umstände an.
Die Einstellung "Geiz ist Geil" finde ich auch sehr fragwürdig. Aufgrund meiner eigenen Einkommenssituation bin ich auch dazu gezwungen, die Angebote von Billig-Discountern zu nutzen. Aber ich persönlich mache das nicht gern, ich mache mir immer meine Gedanken dazu, unter welchen Bedingungen das wohl produziert wurde, was ich mir da so günstig kaufe. Und so manches Billigangebot erweist sich eigentlich nachher als die teurere Variante, durch mangelnde Qualität. Aber für diese Sichtweise gibt es in diesem Land derzeit leider keine Mehrheit.
Du hast sicher Recht, es gibt keine Patentrezepte, die allen helfen. Aber wenn man den Eindruck hat, das läuft etwas falsch so wie es jetzt läuft, kann man doch zumindest für eine Veränderung eintreten.
Viele Grüße nach Shanghai.
Martina